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„Man muss auch ein bisschen Lust drauf haben.“

Hof Hesseler, 04.08.2026

Der Hof der Familie Hesseler im Münsterland wird bereits im 14. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt. Hendrik Hesseler, 47, bewirtschaftet ihn heute gemeinsam mit seinen Eltern und seiner Frau Julia, die neben der Hofarbeit auch die Buchhaltung übernimmt. Der Betrieb hält Schweine und betreibt Ackerbau. Aktuell stellt Hesseler einen Teil seines Bestands auf Haltungsstufe 3 um – ohne Fördermittel, dafür mit einem befristeten Abnahmevertrag. Im Gespräch mit der FLUR und Ralf Lenzing, seit 15 Jahren Agrarberater bei der Volksbank im Münsterland, erklärt er, wie sich die Tierhaltung in der Region verändert hat, warum ein Dreijahresvertrag den Ausschlag gab und welche Rolle Nebenprodukte künftig spielen könnten.

Hof Hesseler
Hendrik Hesseler
Hendrik Hesseler, Inhaber des Hofes Hesseler
Ralf Lenzing
Ralf Lenzing, Firmenkundenbetreuer im Bereich Agrar

Interview Haltungsformen – Schweinehaltung (Hof Hesseler)

Viele Betriebe in der Region haben die Tierhaltung aufgegeben und konzentrieren sich inzwischen auf den Ackerbau.

FLUR: Herr Hesseler, wie hat sich die Tierhaltung in Ihrer Region in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren verändert?

Hendrik Hesseler: Wir kommen aus einer Zeit, in der sehr viel investiert wurde – auch in Schweinehaltung, aber ebenso in Milchvieh, das ja rund um Burgsteinfurt stark verbreitet ist. In den letzten Jahren ist das eher rückläufig. Viele Betriebe haben die Tierhaltung eingestellt und machen nur noch Ackerbau. Das ist ein drastischer Strukturwandel, den wir gerade durchlaufen. Zudem ist der Schweinefleischverbrauch stetig rückläufig – ich glaube, wir haben den Boden da noch nicht erreicht.

 

Haltungsstufe 3 braucht Planungssicherheit

FLUR: Wie ordnen sich die Haltungsstufen aktuell ein, und warum stellen Sie jetzt einen Teil Ihres Bestands auf Stufe 3 um?

Hendrik Hesseler: Haltungsform eins und zwei machen nach wie vor rund 80 Prozent aus, jeweils etwa zur Hälfte. Für Haltungsform drei sehen die Schlachter aktuell einen Marktanteil von etwa 15 Prozent. Mehr nehmen sie erst mal nicht ab. Bei uns kam der Anstoß über einen Viehhändler: Ein Schlachthof im Rheinland suchte HF3-Schweine. Der erste Vertragsentwurf lief nur ein Jahr, das war uns zu unsicher. Erst mit drei Jahren war das Projekt für uns darstellbar. Entscheidend war für uns, dass wir die Investition somit über einen längeren Zeitraum kalkulieren konnten. Gleichzeitig verändert sich mit Haltungsstufe 3 auch die tägliche Arbeit. Die Tiere haben mehr Platz und Zugang zum Außenklimabereich. Das bedeutet etwas mehr Aufwand bei der Kontrolle und beim Management. Dafür erleben wir die Tiere jedoch insgesamt ruhiger und der Stall bietet ihnen ein natürlicheres Umfeld. Das muss wirtschaftlich tragfähig sein. Deshalb war der langfristige Vertrag für uns so wichtig.

Ralf Lenzing, Volksbank im Münsterland: Genau diese Vertragslaufzeit war der entscheidende Baustein, der dazu geführt hat, eine tragfähige Finanzierung zu strukturieren.

Haltungsstufe 3 im Überblick

Mehr Platz
Die Tiere erhalten mehr Platz.

Außenklimabereich
Die Tiere bekommen Zugang zum Außenklimabereich.

Zusätzlicher Aufwand
Kontrolle und Management werden aufwendiger.

Dreijähriger Vertrag
Die längere Laufzeit macht die Investition für den Betrieb kalkulierbar.

Ohne Planbarkeit keine Investition

FLUR: Ohne diese Planbarkeit wäre die Investition also nicht gekommen?

Hendrik Hesseler: Nein. Dann hätten wir gesagt: Lass mal alles so, wie es ist. Aber man muss natürlich auch ein bisschen Lust drauf haben und mutig sein, sonst funktioniert das nicht.

 

Tierhaltung in der öffentlichen Wahrnehmung

Die kritische Berichterstattung hat den Blick auf die Schweinehaltung verändert.

FLUR: Wie hat sich der Blick der Öffentlichkeit auf die Tierhaltung verändert, und wie spüren Sie das im Alltag?

Hendrik Hesseler: In Bezug auf die Tierhaltung und insbesondere auf die Schweinehaltung hatten wir in den letzten Jahren eine sehr kritische Berichterstattung. Ich glaube, ohne diesen Druck gäbe es die Haltungsform 3 so vielleicht gar nicht. Ich habe das Gefühl, es wird inzwischen etwas sachlicher, aber der Verbraucher kann viele Bilder aus dem Stallalltag auch einfach nicht richtig einordnen. Ein Beispiel: Wenn eine Ohrmarke ein bisschen einwächst, wird das gefilmt und groß gemacht. Für jemanden, der nicht tagtäglich damit zu tun hat, sieht das schlimm aus, obwohl es oft gar nicht so ist. Wir müssen uns gerade gegenüber günstigeren ausländischen Erzeugern über das Tierwohl abgrenzen.

FLUR: Sie erwähnen die Konkurrenz aus dem Ausland. Wie schätzen Sie die aktuelle wirtschaftliche Lage und die Rolle des Handels ein?

Hendrik Hesseler: Momentan ist die Situation schwierig. Die Marktpreise sind teilweise katastrophal – wir sprechen von einem Verlustgeschäft, wenn man die gestiegenen Kosten für Energie, Löhne und Transport einrechnet. Auch die Exportabhängigkeit, zum Beispiel von China, ist ein Risiko. Wenn dort Importe wegen der Afrikanischen Schweinepest zurückgefahren werden, trifft uns das direkt. Zum Lebensmitteleinzelhandel ist es zwiegespalten: Einerseits treiben sie den Wandel an, indem sie bis 2028 nur noch Frischfleisch aus HF3 oder HF4 vermarkten wollen. Andererseits gibt es viele Schlupflöcher und Verträge werden manchmal knall auf fall gekündigt. Wir müssen mit dem Handel zusammenarbeiten, aber wir müssen auch davon leben können.

Zwischen Förderung und schnellem Projektstart

FLUR: Die Baukosten sind in den letzten Jahren stark gestiegen. Wie sind Sie das Thema Förderung angegangen?

Hendrik Hesseler: Natürlich hätten Fördermittel geholfen. Aber in unserem Fall war Zeit der entscheidende Faktor. Wir mussten abwägen: Warten wir auf einen Förderbescheid oder sichern wir uns den Vertrag? Im Nachhinein war diese Entscheidung für unseren Betrieb richtig, weil wir sofort starten konnten und somit eher den HF3-Bonus generieren können. Ein Neubau in HF3 ist ohne Förderung heutzutage eigentlich gar nicht mehr möglich.

 

Finanzierung auf Grundlage fester Zahlen

Ralf Lenzing, Volksbank im Münsterland: Das beobachten wir auch aus Bankensicht: Die aktuellen Förderprogramme sorgen für erhöhte Nachfrage im Stallbau. Der Investitionswille in der Landwirtschaft ist da, wenn die Rahmenbedingungen passen. Nach Einreichung der Planzahlen und der wirtschaftlichen Unterlagen prüfen wir diese, schauen uns den Betrieb an und rechnen gemeinsam mit dem Landwirt durch, ob sich die Investition über die Laufzeit trägt. Bei Herrn Hesseler konnten wir das besonders konkret tun, weil der Vertrag feste Zahlen liefert. Für uns steht zunächst nicht die Investitionssumme im Mittelpunkt, sondern die Frage, ob sich das Vorhaben langfristig wirtschaftlich trägt. Ziel ist immer, das unternehmerische Risiko auf ein tragfähiges Maß zu begrenzen.

Hof Hesseler

So wird die Investition geprüft

Einreichung der Planzahlen und wirtschaftlichen Unterlagen

Prüfung der Unterlagen und Besichtigung des Betriebs

Gemeinsame Berechnung über die Vertragslaufzeit

Prüfung der langfristigen wirtschaftlichen Tragfähigkeit

Begrenzung des unternehmerischen Risikos auf ein tragfähiges Maß

Schwein
Schwein
Schweinestall

Außenklimabereich, Hygiene und Tiergesundheit

FLUR: Ein offener Auslauf der Tiere bedeutet auch neue Risiken, etwa bei Tierseuchen. Wie gehen Sie damit um?

Hendrik Hesseler: Der Auslauf muss wildschweinsicher eingezäunt sein, mit ausreichend Abstand zur Außenkante. Damit sehe ich keine größeren Risiken – auch bei der Afrikanischen Schweinepest schätze ich die Lage als überschaubar ein, wenn das Hygienekonzept stimmt. Ein bisschen mehr Risiko haben wir im Vergleich zum komplett geschlossenen Stall, zum Beispiel durch Nagetiere im Stroh, aber das ist überschaubar. Bei der Tierkontrolle und beim Ausmisten haben wir etwas mehr Aufwand, dafür sehe ich Vorteile für die Tiergesundheit durch mehr Platz und frische Luft.

 

Nebenprodukte für regionale Stoffkreisläufe

Der Hof setzt zunehmend Nebenprodukte ein, die in anderen Bereichen anfallen.

FLUR: Sie kaufen einen großen Teil Ihres Futters zu. Welche Rolle spielen dabei Nebenprodukte?

Hendrik Hesseler: Das ist für uns ein Thema mit großem Potenzial. Wir versuchen zunehmend Nebenprodukte einzusetzen, die in anderen Bereichen anfallen und dort kaum noch genutzt werden können. Kartoffeldampfschalen aus der Pommesproduktion sind ein gutes Beispiel – sie werden von den Schweinen sehr gut angenommen. Hinzu kommen aktuell Eiweißfuttermittel aus der Bioethanolproduktion und flüssige Weizenprodukte aus der Verpackungsindustrie. So ersetzen wir einen Teil klassischer Futtermittel und schaffen regionale Stoffkreisläufe. Das ist auch ein wichtiger Aspekt im Klimaschutz: Wir verwerten Stoffe, die sonst entsorgt werden müssten.

 

Auf dem Hof eingesetzte Nebenprodukte

  • Kartoffeldampfschalen aus der Pommesproduktion
  • Eiweißfuttermittel aus der Bioethanolproduktion
  • flüssige Weizenprodukte aus der Verpackungsindustrie

Die Zukunft des Betriebs

FLUR: Wie schätzen Sie die Zukunft Ihres Betriebs ein? Wohin geht die Entwicklung?

Hendrik Hesseler: Ich sehe schon einen gewissen Trend weg von der Tierhaltung in der Region, das kann man nicht wegdiskutieren. Für uns wird ein Teil der Zukunft sicher in der HF3 liegen – vielleicht rüsten wir irgendwann einen zweiten Stall um. Wichtig ist mir vor allem, dass die einheimische Produktion gesichert bleibt. Wir dürfen uns nicht zu sehr abhängig vom Ausland machen, sonst sind wir langfristig komplett preisabhängig. Zudem hoffen wir auf eine Entlastung bei der Bürokratie – es gibt Dinge, die müssen wir aktuell doppelt in verschiedene Datenbanken eintragen, das braucht viel Zeit.

 

Das Gesamtkonzept muss stimmen

FLUR: Welchen Rat würden Sie einem Betrieb geben, der heute über eine Investition in Haltungsstufe 3 nachdenkt?

Hendrik Hesseler: Man sollte sich nicht nur den Stall ansehen, sondern das Gesamtkonzept. Entscheidend ist, ob Vermarktung, Finanzierung und Betriebsabläufe zusammenpassen. Nur weil Haltungsstufe 3 technisch möglich ist, muss sie nicht für jeden Betrieb wirtschaftlich sinnvoll sein. Wer aber einen verlässlichen Vermarktungspartner und Planungssicherheit hat, sollte sich intensiv damit beschäftigen.

Ralf Lenzing: Wir sehen, dass gut aufgestellte und spezialisierte Betriebe auch künftig gute Perspektiven haben. Deshalb setzen wir als Volksbank im Münsterland eG bewusst auf unser Team der Agrarspezialisten, die die Besonderheiten der Branche kennen und Investitionsentscheidungen fachlich begleiten. Im Rahmen des jährlichen Agrardialogs wollen wir gemeinsam mit dem Landwirt aktuelle Themen in der Branche als auch im Betrieb regelmäßig besprechen.

Die Grafik veranschaulicht die Verteilung der Haltungsformen im Lebensmitteleinzelhandel in den Jahren 2023 und 2024.

Wann hat sich die Umstellung gelohnt?

FLUR: Woran werden Sie in einem halben Jahr festmachen, ob sich die Umstellung gelohnt hat?

Hendrik Hesseler: Am Ende müssen Tierwohl, Arbeitsabläufe und Wirtschaftlichkeit zusammenpassen. Erst wenn diese drei Punkte stimmen, können wir sagen, dass die Entscheidung richtig war.

Drei entscheidende Faktoren

Tierwohl

Arbeitsabläufe

Wirtschaftlichkeit

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