Jurystatement zum aktuellen Zyklus
Die Volksbank im Münsterland eG freut sich über die Bekanntgabe des Starts ihres neuen Förderzyklus junger Gegenwartskunst 2026/2027. Am 5. März 2026 traf sich die unabhängige Fachjury bestehend aus Jennifer Cierlitza (Kunstverein Siegen), Dietmar Dertwinkel (Vorstand Volksbank im Münsterland eG) vertreten durch Kathrin Dierkes (Kunst- und Kulturbeauftragte der Volksbank im Münsterland eG), Ute Koch (Städtische Museen Rheine), Christoph Westermeier (Künstler) und Antonia Lotz (Programmleitung start3). Aus 35 Bewerbungen wählte die Jury fünf Alumni der Kunstakademie Münster –Bastian Buddenbrock, Tuğba Durukan, Chu Chun Hsu, Pascal Leyer und Alla Zhyvotova –aus und verlieh Ihnen drei verschiedene Stipendientypen. Darunter ein Produktionsstipendium, ein Katalogstipendium und drei Startstipendien, mit denen die Volksbank im Münsterland eG die Künstler:innen, die vor der Herausforderung stehen, ihre Praxis erstmals unabhängig vom Ausbildungsgeschehen zu entwickeln, maßgeblich unterstützt. Die Jury hat folgendes Statement zu ihrer Auswahl der neuen Kandidat:innen verfasst:
Das Produktionsstipendium geht an die Künstlerin Alla Zhyvotova, die in ihren Arbeiten Materialien nicht nur als Mittel zur Formgebung betrachtet, sondern als autonome Akteuere, die eigene Dynamiken entfalten und in Beziehung zur Umwelt treten. Zentral dabei ist das Konzept des „gegenseitigen Werdens”, der wechselseitigen Entwicklung von Körpern, Materie und Umwelt. Dabei interessieren die Künstlerin im Besonderen Kräfte und Einflüsse, die im Zusammenspiel von lebender und nicht-lebender Materie entstehen. Im Rahmen ihres start3 Stipendiums entwickelt die Künstlerin eine neue Produktion, bei der sie sich mit dem Verfall kulturellen Erbes und der materieller Ökologie von Bauwerken beschäftigt. Dabei dienen ihr die Ausstellungsorte Kloster Bentlage und Museum Falkenhof der Städtischen Museen Rheine, an denen ihre neue Produktion in 2027 präsentiert wird, als Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Forschung, bei der Zerfall nicht als Beschädigung, sondern als formbildender Prozess erlebbar wird.
Der Künstler Bastian Buddenbrock erhält das Katalogstipendium, mit dem er ein Künstlerbuch realisieren wird, das aufbauend auf seiner Skizzenbuchpraxis einen eigenständigen dialogischen Raum eröffnet. Auch in seiner perfomativen Praxis ist das gesprochene und geschriebene Wort zentrales Element. Sprache erforscht Buddenbrock innerhalb verschiedener Ausdrucksformen – von musikalischen Formaten bis zu choreografisch-performativen Happenings, in Plakaten und Skizzenbüchern – in ihrer materiellen, räumlichen und zeitlichen Dimension. Dabei bilden Grafik, Sprache, Klang und Handlung für ihn gleichwertige Ebenen, die ihre Bedeutung im Zusammenspiel entfalten.
Die drei Startstipendien gehen an Tuğba Durukan, Chu Chun Hsu und Pascal Leyer.
Im Zentrum der künstlerischen Praxis von Tuğba Durukan steht das Erproben und Zerlegen bestehender Systeme, darunter Schrift- und Zeichensysteme, religiöse Ordnungen, gesellschaftliche Regeln, architektonische Räume und Maßstäbe. Ausgehend von Fragmenten, Zeichen und reduzierten formalen Setzungen – wie zum Beispiel der Abformung, Vergrößerung, Digitalisierung von Schlangenhaut – untersucht sie Prozesse von Übersetzungen und Annäherung, bei denen sich Bedeutung durch Verschiebung, Kontext und Abstraktion formt und sich in ihrer ganzen, oft verborgenen Instabilität zeigt.
Chu Chun Hsu arbeitet mit Fragmenten aus Räumen der Erinnerung unterschiedlicher Zeitwahrnehmungen und kultureller Welten. Diese fügt sie zu neuen Erinnerungs- und Erzählräumen zusammen, die Situationen des Sehens erzeugen, in denen sich die Konstellationen von Subjekt und Objekt verschieben und neue Zusammenhänge möglich werden. Räumlichkeit dient Hsu als Medium und Grundlage, in der sich Prozesse ihrer eigenen Erinnerung an Handlungen und Bewegungen aus Traum- und Lebensräumen materialisieren.
Pascal Leyer setzt sich in seiner künstlerischen Praxis intensiv mit den Medien Fototechnik und Fotografie auseinander. Dabei begreift er Letztere als raumgreifendes Mittel, in dem sich die Präsentation dem Motiv unterordnet. Seine Arbeiten bewegen sich im Spannungsfeld zwischen akkurater digitaler Komposition und der Unmittelbarkeit alltäglicher Lebenswirklichkeiten. Dabei ermöglichen seine Experimente mit lebensgroßen Formaten und Maßstäben den Betrachter:innen scheinbar in das Bild einzutreten und stören zugleich die Möglichkeit das ganze Bild in einem zu erfassen.